Wer sich in den letzten Jahren ein wenig mit der digitalen Revolution des Musikmarktes durch das MP3 Format beschäftigt hat, der merkt schnell wie unfähig die Musikindustrie doch ist technische Veränderungen zum eigenen Vorteil zu nutzen. Dieses Phänomen ist aber nicht neu, sondern existiert schon sehr lange. Vor über 30 Jahren wurde das schon im Spiegel artikuliert. Zitat:
Fast unbegrenzt kann die “MusiCasssette” (so die Branchen-Schreibweise) bespielt werden — mit bis zu zwei Stunden Spieldauer pro Band. Und die Musik kommt aus der Luft. Ein Knopfdruck am Radio-Recorder, und schon ist ein Schlager aus dem Äther auf der Kassette für lange verfügbar. Ein Klang-Supermarkt zum Nulltarif: Leichter war das Mitsehneiden noch nie. Schon werden Recorder angeboten, die bei kommentierten Musiksendungen im Funk die Moderation für die Kassette automatisch ausblenden.
In westdeutschen Schulklassen ist es zur Regel geworden, nur noch eine einzige Platte zu kaufen, die sämtliche Schüler kopieren. In Tageszeitungen bieten Recorder-Amateure bereits an, jedwede Kassetten-Überspielung gegen geringes Entgelt vorzunehmen.
(Quelle, spiegel.de, via nerdcore.de)
Damals hiess der Feind nicht MP3, sondern Kassette. In den Siebziger Jahren wurde bereits an Störsignalen im Rundfunk gearbeitet um die private Kopie zu unterbinden, und den Nutzern das Leben schwer zu machen. Dass das genauso ein Schuss in den Ofen war wie heutzutage das digitale Rechtemanagement, brauche ich nicht zu erwähnen.
Der einzige Unterschied zu damals ist, dass die Kunden in diesen Tagen nicht nur mit technischen Schranken gegängelt werden, sondern Abmahnanwälte und Rechtsverdreher für die Musikindustrie ihr Unwesen treiben und so weit gehen gleich ganze Familien in den Ruin zu treiben.
Eigentlich wollte ich das hier gestern schon bloggen. In England hat es eine Facebook Gruppe, mittlerweile mit fast einer Million Mitgliedern, geschafft den Song “Killing in the name of” von Rage against the Machine (Mehr zur Band bei Wikipedia) auf Platz 1 der britischen Singlecharts zu hieven. Die Motivation der Initiative war es ein Zeichen gegen die Casting Show “X-Factor” zu setzen. Alle Jahre wieder sollte zu Weihnachten eine typische Casting-Ballade in den Charts ganz oben stehen. Doch dann kam alles anders. Die Charts für die Weihnachtswoche wurden gestern veröffentlicht, und der, mittlerweile steinalte, Song von Rage against the Machine hat es auf Platz 1 geschafft. Und das mit überwältigenden Zahlen. Eine halbe Million verkaufte Singles haben das ermöglicht. In dein Gesicht, Musikindustrie!
Interessant finde ich auch, weshalb ausgerechnet dieser Song ausgewählt wurde. Die eine Textzeile “Fuck you, I won’t do what you tell me” steht für sich selbst, und ist die passendste Antwort die man der Musikindustrie auf die unsäglichen Casting-Shows geben kann. Der Frontmann der Band, Zack de la Rocha, hat der BBC dazu auch ein Interview gegeben, das man hier online nachlesen und anhören kann. Ein Ausschnitt:
Speaking on the Radio 1 chart show, Zack de la Rocha from Rage said: “We are very, very ecstatic about being number one.”
He added it was an “incredible organic grassroots campaign”.
“It says more about the spontaneous action taken by young people throughout the UK to topple this very sterile pop monopoly,” he said.
(Quelle, BBC News)
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